Rabennacht

Rabennacht

Heute mal eine Kurzgeschichte für Kinder, so ab zehn Jahren vielleicht. Ich hatte kurz überlegt, sie mit in ‘Give me 5’ hineinzunehmen, es aber doch gelassen. Alle anderen Kurzgeschichten sind in diesem Buch für Erwachsene gedacht. Rabennacht entstand ursprünglich auch aus vorgegebenen Wörtern einer DWG. Die kam aber nie zustande, weil ich mit den 2400 Zeichen nicht hinkam. Jetzt ist sie um einiges länger und ich denke, das ist gut so.
Viel Spaß beim Lesen. Ausdrucken und privates Weitergeben an Kinder ausdrücklich erlaubt. Alle Rechte am Text vorbehalten.

_____________________________________________

Rabennacht

„Was meinst du? Ob sie sich traut?“
Ben beobachtete Lea mit zusammengekniffenen Augen. Jan zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„So wie sie in der letzten Zeit mit ihren angeblichen Vorfahren angegeben hat, bleibt ihr doch kaum etwas anderes übrig.“
„Raubritter!“ Ben lachte verächtlich. „Ich krieg schon die Namen meiner Großeltern nicht mehr auf die Reihe.“
„Aber wenn es stimmt, dass die Ruine von Burg Rabenstein mal ihrer Familie gehörte, dann haben die bestimmt auch eine Ahnengalerie.“
Die beiden Jungen sahen wieder zu Lea und Marie hinüber, die mit ihren Fahrrädern schon seit zehn Minuten vor der Apotheke „Zu den Sieben Raben“ standen und offenbar heftig diskutierten.

Die Schüler der 7a verbrachten die Woche vor den Herbstferien im Landschulheim von Klein-Rabenstein, einer idyllischen Gemeinde unterhalb einer alten Burgruine. Die Raben, um die sich manch schaurige Geschichte drehte, hatten nicht nur der Burg und dem Dorf den Namen verliehen, auch verschiedene Kneipen und sogar die Apotheke schmückten sich damit.
„Wir werden sehen. Heute Abend ist Vollmond. Entweder kommt sie oder …“ Ben ließ offen, was passieren würde, wenn Lea am Ende kneifen würde.

Es war schon dunkel, als sich Lea, Ben und mehrere ihrer Klassenkameraden hinter dem Landschulheim trafen. Die Jungs fröstelten in der kalten Nachtluft und schielten etwas neidisch zu den Mädchen, die mit Schals, Mützen und Handschuhen gut gerüstet waren. Der Vollmond stand am Himmel und beleuchtete den Weg zur Burg. Lea knipste ihre Taschenlampe wieder aus. Wer weiß, wie lange die Batterie noch halten würde.
„Auf geht’s, Jungs. Oder hat euch der Mut verlassen? Heute Nacht werdet ihr die Ritter von Rabenstein kennenlernen.“

Lea grinste in sich hinein. Ben immer mit seinem Getue und den dämlichen Mutproben! Glaubte der wirklich, er könnte ihr mit seinen Sprüchen imponieren? Heute würde sie es ihm zeigen. Sie hatte die Burgruine im Sommer mit ihrer Familie besucht und ihre älteren Brüder hatten ihr einen geheimen Zugang zum alten Friedhof gezeigt, von dem man in die Ruine gelangen konnte, wenn die Pforte abgesperrt war. Tom und Lukas waren selbst schon mit ihren Klassen im Landschulheim gewesen und hatten die Reste der Burg ausgiebig erkundet. Die beiden waren für jeden Streich zu haben.

Die Jugendlichen machten sich an den Aufstieg. Jan blieb wie üblich auf der Hälfte des Weges keuchend stehen.
„Ich glaube, wir sollten umkehren, Leute. Mir ist saukalt, und wir kriegen auch jede Menge Ärger, wenn jemand entdeckt, dass wir weg sind.“
Ben stöhnte nur, Lea betrachtete den dicken Jungen mit einem eher mitleidigen Blick.
„Geh zurück, wenn du willst. Du kennst ja den Weg und dunkel ist es auch nicht.“
Einige der Mädchen kicherten.
„Reiß dich zusammen“, knurrte Ben. „Wir gehen alle weiter, verstanden?“ Er sah sich um.
„Wo steckt eigentlich Marie?“
„Ach, Marieee …“, Lea schmunzelte, was Ben im Dunkeln nicht sehen konnte. „Die Arme hat sich den Magen verdorben. Sie liegt im Bett.“
„Ha, ha“, höhnte einer der anderen Jungs. „Das glaubst du doch selbst nicht. Die ist nur cleverer als unser Jan.“
„Blödmann!“ Auch wenn Lea sich selbst oft genug über Jan und die anderen Jungs ärgerte, mochte sie es nicht, wenn über Jan hergezogen wurde. Sie mochte den Jungen irgendwie.

Kurz darauf kam die alte Mauer in Sicht, die Friedhof und Burgruine umgab. Die Gespräche verstummten. Schließlich fragte Ben: „Und jetzt, Miss Oberschlau, wie willst du da überhaupt hineinkommen?“
Eines der anderen Mädchen meinte: „Ich finde, das reicht doch jetzt. Ihr seht doch, dass hier außer Jan niemand Schiss hat, Lea jedenfalls bestimmt nicht.“
Lea richtete ihre Taschenlampe auf die Mauer.
„Kommt gar nicht in Frage. Aber ich habe dummerweise keinen Schlüssel für die Pforte.“
„Nee – oder?“ Ben sah sie empört an.
„Na, dann ist doch gut.“ Jan war die Erleichterung anzuhören. „Dann war’s das jetzt.“
„Aber ich weiß, wie wir auf jeden Fall in die Burg kommen.“ Lea legte eine bedeutungsschwangere Pause ein. „Schaut mal da vorne an der Friedhofsmauer, da ist etwas weggebrochen. Ich glaube, das war mal eine Schießscharte oder so was. Wir müssen nur durch die Lücke steigen und dann gehn wir durch den Friedhof …“
„Durch den Friedhof? Spinnst du? Nicht mit mir. Niemals!“ Jan drehte sich um und begann den Weg zurückzulaufen.
„Jan, du Feigling. Das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Kneifen gilt nicht.“

Ben war stinkwütend, obwohl er zugeben musste, dass auch ihm der Friedhof bei Nacht nicht unbedingt geheuer war. Aber wenn die Mädchen das schafften, würde er sich garantiert nicht davor drücken. In diesem Moment flog ein schwarzer Schatten über ihre Köpfe hinweg und sie hörten einen lauten Schrei, dem ein Stöhnen folgte. Er zuckte zusammen. Lotte, eine von Leas Freundinnen, klammerte sich an ihm fest.
„Was zum Teufel war das?“
Ein weiterer Schatten folgte, dann noch einer und noch einer. Sieben schwarze Vögel.
„Die Raben, die Rabengeister“, brüllte Jan, der keuchend zurückgerannt kam, und sich Dreck von den Hosen klopfte. „Sie greifen an. Ich, ich …“
„Ich will zurück“, jammerte Lotte.

Lea bekam langsam ein schlechtes Gewissen. So viel Angst hatte sie nicht verbreiten wollen. Aber schließlich hatte man sie oft genug geärgert. Strafe musste sein. Sie stand schon vor der Mauerstelle, an der etliche der alten Steine herausgebrochen waren.
„Blödsinn! Ben, mach mal ‘ne Räuberleiter. Das ist die richtige Stelle. Ich geh zuerst.“
Der Junge sah sie mit unverhohlenem Respekt an. Die traute sich wirklich was. Konnte er das zulassen? Er räusperte sich, konnte aber nicht verhindern, dass seine Stimme mitten im Satz in ein zittriges Quieken umschlug. Ihm blieb aber auch nichts erspart.
„Nee du, lass mich mal. Männer zuerst.“
Einer nach dem anderen kletterten sie über die Mauer. Nur Jan blieb übrig, der es selbst mit Räuberleiter nicht hinüberschaffte.
„Wartet mal“, flüsterte Lea. „Das können wir nicht machen. Ben, ich weiß, wo eine Leiter liegt.“
Verblüfft sah der Junge, wie Lea einige Meter weiter eine alte Holzleiter aufhob und zur Mauer schleifte.
„Los. Reich Jan die Leiter rüber. Das müsste funktionieren.“
Jan ächzte und stöhnte, aber schließlich schaffte er es, sich durch den Spalt zu quetschen. Der Gedanke, auf der anderen Seite allein zurückzubleiben, war alles andere als verlockend gewesen.

Fröstelnd stand die kleine Gruppe dicht an dicht gedrängt zusammen, und Ben sah sich neugierig um.
„Nach einem Friedhof sieht das eigentlich gar nicht aus“, meinte er. „Das habe ich mir irgendwie anders vorgestellt.“
Lea leuchtete mit ihrer Taschenlampe einige umgestürzte Grabsteine an.
„Viel ist hier wirklich nicht mehr zu sehen“, wisperte sie. „Überlege mal, wie viele Jahrhunderte schon vergangen sind. Und überhaupt hat man hier nur die einfachen Leute verscharrt.“
Sie senkte unheilverkündend die Stimme. „Und natürlich diejenigen, die man gehenkt, geköpft oder gevierteilt hat.“
„Aufhören“, riefen Jan und Lotte gleichzeitig. Ben fand allmählich Vergnügen an der Sache. Er glaubte Lea kein Wort mehr.
„Habt euch nicht so. Das ist doch Quatsch. Verbrecher wurden im Mittelalter gar nicht auf dem Friedhof begraben.“
„Stimmt“, gab Lea zu. „Und außerdem müssen wir in die alte Kapelle. Die Ritter wurden selbstverständlich in einer Gruft beigesetzt.“
Gruft! Lea mochte das Wort. Klang das nicht schon wundervoll schaurig? Der Strahl ihrer Lampe zeigte auf Reste eines rechteckigen Gemäuers, das noch gut erkennbar eine halbrunde Apsis aufwies.
„Also los, Leute“, kommandierte Ben entschlossen.

In diesem Moment hörten sie ein seltsames metallisches Klirren. Vor den Mauern der Kapelle erschien eine weiße Frauengestalt, die von zwei finsteren Gestalten in Kapuzenmänteln verfolgt wurde. Einer zog ein Schwert aus der Scheide seines Gürtels und …
„Scheiße“, schrie Jan. „Ich will hier weg, sofort.“
Lotte wollte sich erneut an Ben klammern. Doch der zog Lea an sich und fing an zu lachen.
„Du bist so was von durchtrieben, Lea. Also ehrlich.“ Er gab ihr einen Kuss, der ihn mindestens ebenso überraschte wie Lea.
„Was soll das?“, schimpfte Lotte empört. Statt einer Antwort richtete Ben seine Taschenlampe auf die Füße der drei Gespenster. Sneakers fluoreszierten im Strahl der Lampe.
„Oh Mann,“ schimpfte Lea. „Wie blöd kann man denn sein? Marie, Tom, Lukas, ihr seid enttarnt.“
Die drei Gespenster hielten in ihrem Treiben inne. Lea leuchtete nun ihrerseits mit ihrer Taschenlampe ihren Brüdern ins Gesicht.
„Aus der Spuk! Ihr seid doch selten dämlich.“ Aber insgeheim war sie auch ein bisschen froh, dass sie mit dem Schwindel aufhören konnte. Und was den Kuss eben anging … Lea warf Ben einen forschenden Blick zu.
„Was ist?“ Ben starrte an ihr vorbei in die Luft.
„Ach nichts.“

 

Lisas Garten – Frühlingserwachen

Lisas Garten – Frühlingserwachen

Hier kommt eine Geschichte, die ich schon vor etlichen Jahren geschrieben habe. Heute ist sie mir mal wieder in die Hände gefallen. Und irgendwie finde ich sie immer noch nett. Eigentlich sollte es mal ein Buch werden, zwölf Geschichten aus Lisas Garten, eine für jeden Monat. Irgendwann blieben mir aber die Ideen aus und ich hatte damals auch keine Ahnung, wie ich so etwas illustrieren und veröffentlichen sollte. Vielleicht nehme ich die Idee mal wieder auf.

Lisas Garten – Der März

Lisas Papa sagte immer: „Im März, Lisa, da riecht es nach Frühling.“ Und wenn Lisas Mutter dann nachfragte, wie denn der Frühling genau rieche, dann schauten sich Papa und Lisa nur ungläubig an. Die beiden wussten genau, wie der Frühling riecht.

Als Lisa am einundzwanzigsten März aus dem Kindergarten nach Hause kam, wäre sie am liebsten gleich in den Garten hinausgegangen. Unterwegs hatte sie schon ihre dicke Jacke ausgezogen. Die Sonne schien herrlich warm. Das Mittagessen fand sie furchtbar überflüssig, aber natürlich bestand Mama darauf, dass erst einmal gegessen wurde. Am Tag zuvor hatte Lisa schon eine Menge Gänseblümchen auf der Wiese entdeckt, und die Krokusse und Osterglocken mussten doch heute endlich aufblühen! Und außerdem hatte sie ja gestern ein Gespräch belauscht, ein Gespräch von dem sie niemandem erzählt hatte, noch nicht mal dem Papa.

Lisa hatte am Rande eines Blumenbeetes in der Sonne gesessen und mit Mäxchen gespielt. Dem kleinen Kater gefiel es eindeutig, sich die Sonne auf das Fell scheinen und gleichzeitig von Lisa kraulen zu lassen. Er wälzte sich genüsslich im Gras, blieb auf dem Rücken liegen und gähnte herzhaft. Lisa zauste und streichelte sein dickes weißes Bauchfell, das so unglaublich weich und gemütlich war, und Mäxchen fand das toll, jedenfalls für eine Weile. Plötzlich aber spitzte er die Ohren, drehte sich auf seine vier weißen Pfoten, schüttelte irritiert den Kopf und trabte davon. Und auch Lisa hörte plötzlich etwas, ganz feine Stimmen, die aus dem Blumenbeet kamen oder genauer gesagt aus der Erde.

„Mama, ich will endlich an die Sonne“, klang es aus der Tiefe.
„Ja mein Schatz, bald ist es soweit, aber hab noch ein bisschen Geduld.“
„Und außerdem mag ich das grüne Mäntelchen nicht mehr tragen, mein rotes Kleid ist doch so schön.“
„Ach Nana, das musst du aber noch tragen, wenigstens bis du oben über der Erde bist.“
„Mama, das Ding juckt und es sieht hässlich aus. Und schau mal, Familie Glöckchen ist schon ganz weit oben.“
„Mein Schatz, das ist nicht unbedingt von Vorteil. Es ist noch kalt dort oben, manchmal liegt noch Schnee.“
„Mama, ich will aber …“

Lisa hatte inzwischen ihr Ohr ganz dicht an die Erde gepresst und fuhr erschrocken zusammen, als sie plötzlich ein silberhelles Lachen hörte.
Neben ihr stand eine winzige Wiesenelfe und zupfte an Lisas Hosenbeinen.
„Oh“, sagte Lisa, „seid ihr endlich wach?“ Sie nahm die kleine Elfe vorsichtig auf ihre Hand. „Wer bist du denn, ich habe dich noch nie gesehen?“
„Und wer bist du?“ gab die Elfe keck zurück, drehte sich einmal im Kreis herum, sodass sich ihr blaues Glockenkleid bauschte und die blonden Haare nur so flogen.
„Na gut, ich zuerst. Ich heiße Lisa und wohne hier. Und jetzt du.“
„Ich heiße Viola und bin eine Wiesenelfe. Ich wohne dort, wo das Gras am dichtesten wächst und die kleinen blauen Veilchen blühen. Aber was machst du mit deinem Ohr auf der Erde? Das wird doch ganz schmutzig.“
Viola schob sich die feinen Haare hinter ihre spitzen Ohren.

Lisa sah die Elfe voller Bewunderung an. Warum wurden Elfen niemals schmutzig, hatten niemals aufgeschlagene Knie und immer so hübsche Kleider an?

Dann besann sie sich und sagte: „Viola, ich habe da eben Stimmen gehört. Aus der Erde. Das klang, als ob sich Blumen in der Tiefe unterhalten.“
Lisa war etwas unsicher. Ob die kleine Elfe sie jetzt auslachen würde? Aber Viola fand es völlig normal, was Lisa ihr erzählte.
„Ach so, das sind bestimmt die Tulpenkinder, die es wieder mal nicht abwarten können“, kicherte sie. „Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Kaum hören sie, dass die Sprösslinge der Schneeglöckchen zur Erde rausgucken, wollen sie unbedingt auch nach oben. Dabei hat doch jede Blume ihre Zeit zum Blühen.“
Dann stutzte Viola plötzlich.
„Sag mal, Lisa, wieso kannst du die Blumen hören? Wieso können wir uns verstehen?“
Lisa zuckte mit den Schultern. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.
„Können das denn nicht alle Kinder?“ fragte sie.
„O nein“, antwortete ihr die kleine Elfe. „Das können nur wenige. Das ist eine ganz besondere Gabe. Oder kennst du andere Kinder, die auch mit Elfen und Blumen sprechen? Und je älter sie werden, umso schwieriger wird es für sie.“

Lisa dachte einen Augenblick nach. Es stimmte, sie kannte niemanden, der so war wie sie. Sie erzählte es auch niemandem mehr, denn dann wurde sie doch nur ausgelacht. Nur Papa lachte sie nicht aus, sondern hatte ihr erzählt, dass ihre Oma auch immer mit den Blumen gesprochen habe.
„Dann will ich am besten gar nicht älter werden“, sagte sie schließlich.
„Das geht nicht“, antwortete ihr Viola und lachte ihr silberhelles Lachen. „Aber solange du weiter hier in diesen Garten kommst, Augen und Ohren aufsperrst, mit deinen Händen das Gras und die Bäume berührst, solange wirst du uns finden und verstehen. So, aber jetzt muss ich fort und nach den anderen aus meiner Familie sehen.“
„Kommst du wieder?“, wollte Lisa noch fragen, aber sie hörte nur noch ein leises Schwirren von zarten Flügeln, ein Klingeln wie von kleinen Glöckchen aus Glas, und Viola war verschwunden.
Lisa sah wieder zum Blumenbeet, und dort wo vorher nur Erde gewesen war, schob sich doch tatsächlich ein grüner Trieb mit einem trockenen braunen Mäntelchen nach oben. Lisa musste lachen. Da hatte es Nana, die kleine Tulpe, also doch noch geschafft. Hoffentlich würde es nicht noch einmal kalt werden.

©Elke Heinze/2018

Neue Kurzgeschichte: Sonntagmorgen mit Hindernissen

Neue Kurzgeschichte: Sonntagmorgen mit Hindernissen

Mal wieder eine neue Drei-Wort-Geschichte aus der Schule-des-Schreibens, die allerdings einen großen Fehler hat. Wer hier aufgepasst hat, weiß, dass unsere Drei-Wort-Geschichten eine Länge von ca. 2400 Zeichen haben sollen. Als ich “Sonntagmorgen mit Hindernissen” geschrieben habe, hatte ich wohl einen Zahlendreher im Kopf. Und so hat diese Geschichte nun die fast die doppelte Länge, fast 4200 Zeichen.  Ich wünsche trotzdem viel Spaß beim Lesen. Vorgabe: Künstler, Eierbecher, Kofferraum

Sonntagmorgen mit Hindernissen

Peter schloss die Tür zur Terrasse, die er wie immer sofort nach dem Aufstehen zum Lüften geöffnet hatte.
„Uuute“, rief er in Richtung Badezimmer, „sag mal, wo sind denn unsere Eierbecher hingekommen?“ Er hatte den sonntäglichen Frühstückstisch gedeckt und stand nun stirnrunzelnd vor den Küchenschränken.
Ute, ein Handtuch ums nasse Haar und eins notdürftig um ihren Körper geschlungen, kam kopfschüttelnd in die Küche.
„Wo sollen die schon sein, Schatz? Da wo sie immer sind.“ Sie reckte sich, um den Oberschrank zu öffnen. Abgelenkt vom rutschenden Badetuch sah Peter glücklicherweise nicht den leicht genervten Gesichtsausdruck seiner Gattin. Ute war nämlich grundsätzlich der Meinung, Peter habe Tomaten auf den Augen.
„Wo zum Teufel …“ Ute stellte sich auf die Zehenspitzen und griff mit beiden Armen nach oben, um einige Teller zur Seite zu schieben. Das Badetuch machte sich endgültig selbstständig.
„Sie sind wirklich nicht da“, bemerkte sie ungläubig, während sich Peters Blick begehrlich auf ihrem rosigen, vom Duschöl glänzenden Körper festsaugte.
„Vielleicht“, murmelte er, „könnten wir das mit dem Frühstück auch verschieben.“ Besitzergreifend legten sich seine Hände um Utes Taille. Er zog sie an sich.
„Bist du verrückt? Stell dir vor, die Kinder kommen runter.“
„Aber die sind doch …“ Es klingelte.

Ute schnappte sich das Handtuch und verschwand wieder ins Badezimmer, während Peter leicht frustriert die Haustür öffnete.
„Guten Morgen, Peter“. Perfekt frisiert und wie aus dem sprichwörtlichen Ei gepellt stand Ellen Windhorst vor ihm.
„Sag mal, könntet ihr uns mal eben zwei Eierbecher leihen?“
Peter starrte sie entgeistert an.
„Nun guck nicht so. Unsere sind irgendwie verschwunden. Seltsame Sache. Also kannst du mir welche leihen?“
„Ellen, es tut mir leid. Ich – also die Sache ist die – unsere Eierbecher sind ebenfalls weg.“
„Wie, weg?“
„Na verschwunden.“
„Verarschen kann ich mich selber.“ Ellen war beleidigt. „Ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass du dich wegen zwei Eierbechern so anstellst. Ich hätte sie auch nach dem Frühstück gleich zurückgebracht. Gespült!“
„Ellen, nein. Sie sind wirklich verschwunden.“
Die Nachbarin tippte sich verachtungsvoll mit dem Finger an die Stirn, dreht sich um und stöckelte davon.

Peter seufzte. Er zog die Sonntagszeitung aus dem Briefkasten und holte schließlich zwei Espressotassen aus dem Schrank. Die waren fast so gut wie Eierbecher und würden es erst mal tun müssen.
Während die Kaffeemaschine zischend seine Tasse füllte, schlug Peter die Zeitung auf. Im Lokalteil sprang ihn eine fett gedruckte Schlagzeile an: Kaufhäuser im Moosbach Zentrum beklagen Eierbecherklau. Er wollte sich gerade in den Text vertiefen, als draußen ein Martinshorn ertönte. Gleich darauf hörte er Bremsen quietschen und dann einen lauten Schrei. Peter ließ die Zeitung sinken und lief zum Fenster.

Joey Meyrs, eigentlich Johann Meier, Alt-Hippie und selbst ernannter Performancekünstler, war mit seinem uralten Opel auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegen eine der Linden gekracht. Hinter ihm hielt ein Streifenwagen. Während sich eine junge Polizistin um Joey kümmerte, der sich gerade wieder aufrappelte, öffnete ihr Kollege den Kofferraum und hielt triumphierend drei Eierbecher in die Luft.
„Finger weg!“, brüllte Joey wütend. Viel war ihm anscheinend nicht passiert.
Der Polizist entrollte inzwischen ein offenbar selbstgemaltes Plakat. Verblüfft las Peter die Ankündigung: Eierbecher für Alle. Kommt zum neuen, genialen Happening von Joey Meyrs am 9. September um 16 Uhr – Sportplatz Kuhaue, Moosbach. Eintritt frei!

Ute stand plötzlich hinter ihrem Mann. Sie duftet nach Parfüm und schmiegte sich an ihn.
„Hör mal Schatz, mir ist gerade eingefallen, dass Claudi und Sascha gar nicht zu Hause sind. Die sind doch gestern Abend mit ihrer Clique … He, was ist los?“
Peter starrte weiter aus dem Fenster. „Jetzt guck dir das an“, meinte er ohne sich umzudrehen. „Es war Joey. Der Kerl hat offenbar überall Eierbecher zusammengeklaut. Komm, lass uns endlich frühstücken. Ich habe Hunger.“

Copyright: Dr.Elke Heinze – 09-2017

Nachtrag: Mehrfach wurde ich inzwischen gefragt, wie denn der Eierbecherdieb an die Becher aus Küchenschränken gelangen konnte. Machen wir uns nichts vor: Viele Häuslebesitzer lassen frühmorgens zum Lüften die Terrassentüren offenstehen. Man ist ja im Haus, wohnt in einer “guten” Gegend,  was soll schon passieren? Aber es passiert. In der Geschichte ist der Dieb zudem ein Bekannter, einer dem man sicher auch eine schräge Ausrede abnehmen würde, wenn er plötzlich im Garten stünde. Also: Uffbasse! – wie der Frankfurter sagen würde. Aufpassen! für nicht Frankfurter 😉

Der Schlüssel

Der Schlüssel

Mal wieder etwas Literarisches 😉
Meine neueste Kurzgeschichte aus der Schule des Schreibens (Aufgabe BB10). Viel Spaß!

Der Schlüssel

Tastend bewegten sich Carlas Finger über den alten Bartschlüssel. Groß und schwer wie ein Relikt aus alten Zeiten fühlte er sich an. Und nichts anderes war er im Grunde auch. Wie zierlich erschienen ihr daneben der Schüssel für das moderne Sicherheitsschloss und der Briefkastenschlüssel. Dann gab es noch einen vierten, sehr kleinen Schlüssel, für den Frau Köhler keine Erklärung hatte.
Die Frau stand noch hinter ihr, als Carla den Schlüssel zögernd in das Türschloss schob. Das Sicherheitsschloss darüber hatte sie bereits geöffnet. Der Schlüssel hakte. Carla erinnerte sich. Man musste ihn ein klein wenig hin und her schieben, bis er genau dort einrastete, wo man ihn schließlich drehen konnte.
„Das ist wirklich eine Zumutung mit den alten Dingern“, lamentierte Frau Köhler lautstark. „Aber die Hausverwaltung schert sich ja einen Dreck darum, ob unsere Wohnungen sicher sind oder nicht. Und wem das Haus überhaupt gehört, weiß hier niemand.“
Carla hätte es ihr sagen können.
„Die Sicherheitsschlösser haben wir uns nämlich alle auf eigene Kosten einbauen lassen, müssen Sie wissen. Und die Wohnung hier steht auch schon ewig leer.“
Carla gab der Tür einen kleinen Schubs, dann drehte sie sich um.
„Danke Frau Köhler. Ich komme jetzt gut alleine klar.“ Es war gar nicht so einfach für sie, die richtigen deutschen Begriffe zu finden. Zu lange hatte sie diese Sprache nicht mehr benutzt.
Die Frau sah sie mit verkniffenem Mund an. Sie wirkte beleidigt.
„Na, wenn Sie meinen. Sie wissen ja, wo Sie mich finden.“ Sie drehte sich um und ging betont langsam die Treppe hinunter.

Carla betrat den langen, schmalen Flur und ließ die Tür hinter sich zufallen. Muffig roch es hier und es war dunkel. Die Türen, die vom Flur zu den anderen Räumen abgingen, waren alle geschlossen. Ohne große Hoffnung, dass er funktionieren würde, betätigte Carla den Lichtschalter. Sicher war der Strom längst abgestellt worden. Aber, o Wunder, an der Decke ging eine Lampe an. Carla blickte direkt in den kleinen Spiegel mit den blinden Flecken. Wie eh und je wurde er rechts und links von tütenförmigen Lämpchen flankiert. Für einen Moment schien ihr Spiegelbild mit einem anderen Bild zu verschmelzen. Anstelle der immer noch attraktiven älteren Frau mit dunklem Teint und einer modernen Kurzhaarfrisur, blickte sie in das schmale Gesicht eines Kindes. Das Mädchen schaute sie aus großen Augen an. Krause, schwarze Haare waren auch durch die fest geflochtenen Zöpfe nur schlecht zu bändigen. Dann war der Moment vorbei. Carla zog ihren eleganten Mantel aus und sah sich nach der Garderobe um. Sie stand dort, wo sie schon immer gestanden hatte. Die Holzbügel, die Carla unter Anleitung der Großmutter mit buntem Garn umhäkelt hatte, waren leer. Sie hängte den Mantel auf und seufzte.

Nacheinander betrat sie jeden Raum. Nichts hatte sich verändert. In der Mitte der Küche stand noch immer der Holztisch mit den vielen Flecken und Schrammen, an dem sie nicht nur zum Essen gesessen hatten. An ihm hatte Carla ihre Hausaufgaben erledigt und die Großmutter hatte dort gebügelt. Und sie erinnerte sich an alte Fotos, auf denen man sehen konnte, dass er auch schon als Wickeltisch gedient hatte. Carla zog die Rollläden hoch und öffnete das Küchenfenster. Sie blickte in den Hinterhof. Viele Mülltonnen standen dort, wo sie als Kinder „Himmel und Hölle“ und Gummitwist gespielt hatten. Sie erinnerte sich an das Getuschel der Mütter, die oft ungeniert mit dem Finger auf sie gedeutet hatten. Negerkind. Die Mutter war eine Schlampe. Die Großmutter kann einem leidtun.

Carla lief weiter in das Wohnzimmer mit den alten abgetretenen Teppichen und den schweren Möbeln. Im Bücherregal standen die alten Hanni und Nanni Bände einträchtig neben Readers Digest und einem zwölfbändigen Meyers Konversationslexikon von 1930. Und hier stand auch Carlas altes Bett. Ein eigenes Zimmer hatte sie nie gehabt. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Das war alles, was sich die Großmutter gegönnt hatte, nachdem sie verstanden hatte, dass Opa Karl nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren würde. Und dann war ihre einzige Tochter verschwunden und hatte ihr die kleine Charlotte dagelassen.
Carla ging weiter und öffnete die Schlafzimmertür. Auch hier roch es muffig. Ein wandhoher Spiegel, vor dem sie sich als Kind oft hin und her gedreht hatte, um zu verstehen, warum sie so anders sein sollte, war mit einem Laken verhängt. Sie öffnete schnell das Fenster. Das Schlafzimmer war das Allerheiligste ihrer Großmutter gewesen. Zwei wuchtige Ehebetten aus einem rötlich schimmernden, hochglanzpolierten Holz nahmen zwei Drittel des Raumes ein. An der Wand stand ein nicht minder beeindruckender Kleiderschrank. Als Carla etwa vierzehn Jahre alt gewesen war, hatten ihre endlosen Diskussionen begonnen.

„Oma, bitte, ich brauche ein eigenes Zimmer. Ein richtiges Zimmer. Wozu brauchst du dieses Doppelbett? Kannst nicht du ins Wohnzimmer ziehen? Bitte.“
Aber auf diesem Ohr war die Großmutter taub gewesen.
„Wozu brauchst du denn ein eigenes Zimmer, Charlotte? Hast du etwa Heimlichkeiten vor mir? Nimm dich in Acht. Es reicht, dass deine Mutter uns in Unglück gestürzt hat.“
„Ich bin nicht meine Mutter, Oma! Vertrau mir doch.“

Carla wusste inzwischen längst, was sie und ihre geliebte Großmutter zu Außenseitern machte. Eine Nachbarin hatte ihr irgendwann mit abfälligen Worten klargemacht, dass ihre Mutter eine Amihure gewesen sei.
„Und dann auch noch mit einem Neger. Du kannst einem leid tun, Kind. Kein anständiger deutscher Mann wird irgendwann etwas mit dir zu tun haben wollen. Deine Großmutter hätte mal besser auf ihre Tochter aufpassen sollen.“
Sie hatte Carla abschätzig von oben bis unten taxiert. „Hübsch bist du ja. Aber lass bloß die Finger von meinem Jungen.“
Carla hatte ihr nicht erzählt, dass Martin sie neulich im Keller begrapscht hatte, als die Großmutter sie zum Kartoffel holen hinuntergeschickt hatte.

Wie lange war das alles her! Vor vier Wochen hatte sie ihren zweiundsechzigsten Geburtstag gefeiert. Carla hatte ihr Glück auf Umwegen gefunden. Als sie achtzehn geworden war, fiel einem Fotografen ihr exotisches Äußeres auf. Gertenschlanke Models lösten in den Siebzigern allmählich die etwas hausbackenen Mannequins auf den Laufstegen der Welt ab und Charlotte passte genau ins Schema. Als Carla Ward posierte sie neben Supermodels wie Jerry Hall und Iman und sie schlief mit den richtigen Männern, sofern sie ihr nützlich waren. Martin war längst Geschichte. Als sie in New York ankam, wusste sie, wo sie hingehörte. Niemand informierte sie, als ihre Großmutter 1996 starb.
Hatte die Wohnung tatsächlich über zwanzig Jahre lang leergestanden? Es musste so sein, obwohl Carla es kaum glauben konnte. Aber der Notar, der sie schließlich als Erbin des alten Mietshauses ausfindig gemacht hatte, hatte ihr genau das bestätigt. Die Kanzlei war schon vor Jahren mit der Verwaltung beauftragt worden. Einzige Bedingung im Testament der Großmutter war gewesen, dass ihre Wohnung nie vermietet werden, sondern immer ihrer Enkelin zur Verfügung stehen sollte.

Carla hatte plötzlich Tränen in den Augen. Sie öffnete die Türen des Kleiderschrankes und schob ziellos die alten Kleidungsstücke hin und her. Sie würde eine Firma beauftragen, die all das hier entsorgen musste. Ihr Blick blieb plötzlich an einem Kleid ganz hinten im Schrank hängen. Sie nahm es vom Bügel. Es war aus blassblauem Leinen, im typischen Schnitt der frühen fünfziger Jahre. Sie erinnerte sich, dass sie das Kleid anprobiert hatte, als alle ihre Klassenkameradinnen zur Tanzstunde gingen. Ihre Großmutter hatte es ihr verboten.
„Das ist nichts für dich, Charlotte. Keiner der jungen Männer würde dich auffordern, glaub mir.“
Sie hatte gewusst, dass das Kleid ihrer Mutter gehört hatte. Es war ihr zu kurz aber dafür ein wenig zu weit gewesen. Als sie nach dem dazu passenden Petticoat suchte, war die Großmutter plötzlich ins Zimmer gekommen. Nie zuvor und niemals später hatte Carla sie so wütend erlebt. Sie hatte die Enkelin geohrfeigt und sie angeschrien, das Unglückskleid auszuziehen. Und gleichzeitig waren ihr Tränen über das Gesicht gelaufen.

Plötzlich wusste Carla wieder, wofür der winzige Schlüssel am Schlüsselbund war. Schnell lief sie in den Flur, wo sie ihn abgelegt hatte. Sie zog die Nachttischschublade des rechten Bettes auf und da lag das Kästchen aus bunt bemaltem Rosenholz noch immer. Als sie es öffnete, fand sie, was sie suchte. Auf einem colorierten Schwarz-Weiß-Foto strahlte ihr ein Paar entgegen. Ein gutaussehender Farbiger in der Uniform der US-Army hatte seinen Arm um eine bezaubernde junge Frau in einem blassblauen Leinenkleid gelegt. Carla drehte das Bild um. Mit Bleistift stand dort: Jim und ich, Juni 1953.
Das Kästchen enthielt nur wenige Fotos. Es waren Kinderbilder von ihr selbst. Es gab kein einziges weiteres Foto ihrer Mutter. Nur das verblasste Bild eines einfachen Holzkreuzes über einem frisch aufgeschütteten Grab. Auf der Rückseite stand der Vermerk: Gerda, Oktober 1956.
©Elke Heinze / 2017

_________________________________________

Für das Beitragsbild habe ich ein Motiv von Jerry Kiesewetter benutzt. Habe es aber ziemlich verändert. Danke an Jerry und Unsplash.com