DWG – Das Allerheiligste

DWG – Das Allerheiligste

Hier hat es schon lange keine Drei-Wort-Geschichten (DWGs) mehr gegeben. Erinnert ihr euch noch? Drei willkürlich ausgewählte und vorgegebene Wörter (passiert im Forum der Schule des Schreibens) und dann eine sehr kurze Geschichte mit ~2.400 Zeichen (einschließlich Leerzeichen). Die letzten drei Wörter des vergangenen Jahres waren: Antiquariat, Bildhauer, Petrischale. Eigentlich gibt es auch noch die Vorgabe: Ort, Protagonist, Gegenstand. Das mit dem Protagonisten – in diesem Fall wäre es der Bildhauer – wird äußerst selten eingehalten. Auch mir ist es diesmal nicht gelungen. Meine Protagonistin ist eine junge Dame. Aber lest selbst …

 

Das Allerheiligste

Zögernd öffnete Laura die Tapetentür in das hinter dem Verkaufsraum verborgene Zimmer. Das Muster der Tapete glich so vollständig den übrigen Regalen, dass man schon genau hinschauen musste, um die Unterbrechung zu erkennen. Laura hatte den Zweck dieses Raumes, den Oma Gesa „Opas Allerheiligstes“ genannt hatte, nie verstanden. Im Antiquariat ihres Großvaters hatte es kaum Laufkundschaft gegeben. Wozu also brauchte Opa Robert diesen Raum?

Laura trat an den wuchtigen Schreibtisch und strich über die polierte Oberfläche. Auf einer Schreibunterlage aus grünem Leder lagen akkurat ausgerichtet ein Federhalter und mehrere Bleistifte. Zwei Dinge zogen ihren Blick magisch an. Das eine war die schwarz glänzende Figurine einer Frau, das andere eine Petrischale, die hier völlig deplatziert wirkte. Aus Marmor gefertigt, schmiegte sich der nackte Körper wie von selbst in Lauras Hand, als sie die Figur vorsichtig aufnahm. Und wie die Farbe des Steins schon anzudeuten schien, zeigte das Gesicht der Frau unverkennbar afrikanische Züge. Der Bildhauer, der sie geschaffen hatte, musste ein Künstler gewesen sein. Sie wirkte so lebensnah, dass sich auf Lauras Armen sämtliche Härchen aufstellten. Wer war diese Frau?

Lauras Blick fiel erneut auf die Petrischale. Sie hob den Deckel und griff nach dem Schlüssel, der dort lag. So offensichtlich lag er da, als wollte er ihr zurufen: Du wirst schon wissen, wofür ich bin. Also los doch. Der Schlüssel passte perfekt in die verschlossene Schreibtischschublade. Laura sah einen Stapel vergilbter Briefe, ein uraltes Fotoalbum, ein Büchlein, das einem Tagebuch glich und obenauf ein Briefumschlag: Geliebte Gesa.

Laura ließ sich schwer in den gepolsterten Schreibtischstuhl fallen. Wann hatte der Opa diesen Brief geschrieben? Oma Gesa war vor drei Monaten an Krebs gestorben. Robert war nicht immer Antiquar gewesen. Er, der in einem früheren Leben als Arzt viele Menschen geheilt hatte, musste ihr Sterben hilflos akzeptieren.
Laura legte den Brief ungeöffnet zurück, griff stattdessen nach dem Tagebuch und schlug es irgendwo in der Mitte auf.
„Wäre ich doch nie dem Ruf des dunklen Kontinents gefolgt. Frau und Kind warten in Deutschland auf meine Rückkehr, aber wie soll ich je von Alemeé lassen …“

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Schreit das nach mehr? Man könnte einen Roman daraus machen. Robert als Arzt “ohne Grenzen” in Afrika und der schönen Alemeé verfallen. Aber so geht es mir oft mit den Drei-Wort-Geschichten. Anfänge findet man immer, mehr daraus zu machen, das ist eine andere Sache.