Alte Kurzgeschichten

Alte Kurzgeschichten klingt ziemlich schrecklich. Es sind kleine Geschichten, die ich nicht als Blogbeiträge veröffentlicht sondern auf einer separaten Seite gesammelt habe. Noch kann ich mich nicht davon trennen ;-)

Null Bock auf Wolke 3

Auf Wolke 3 rumorte es schon seit Tagen.  Petrus war sauer, aber sowas von. Er saß vor einem Berg von Beschwerdebriefen, die im Laufe der letzten Monate bei ihm eingegangen waren. Die ersten datierten vom Januar.

Das ist doch kein Winter, hieß es da. Wo bleibt denn der Schnee? Wir wollen Ski laufen, solange noch Ferien sind. Ein Heribert Müller hatte geschrieben. Petrus hatte versucht sich vorzustellen, wie Heribert wohl aussah: Verwegen, bärtig, ein richtiger Bergfex vielleicht? Nein, Unsinn, in den Bergen hatte er für Schnee gesorgt. Nicht überall, aber der Teufel hatte ja ständig mit der Klimaerwärmung gegengesteuert. Da reichte der Schnee nicht mehr so richtig. Also vermutlich eher ein braver Familienvater, dessen Kids am Maulen waren, weil ihnen langweilig war. Petrus hatte sich noch ein bisschen ins Zeug gelegt, aber schon kamen die nächsten Briefe an.
Jetzt reicht es aber mit dem Mistwetter. Wir wollen Frühling, schrieb prompt Gunhilde B. aus W.
Typisch, schimpfte Petrus, meckern ja, aber alles anonym. Ab März sorgte er dann für ordentlich Sonne und Regen – Frühlingswetter eben. Mal schien die Sonne im Norden und es regnete im Süden, ab und an durfte es auch noch ein bisschen schneien. Mal ehrlich, war doch total ausgewogen – oder?

Doch kaum hatten die Menschen ihre dicken Winterjacken weggeräumt, wollten sie Sommer, aber richtigen Sommer, bitte! Also ließ Petrus es krachen. War ja auch gar nicht so schwer. Er konnte sogar ein bisschen mit dem Teufel kooperieren. Höllenfeuer war genug vorhanden. Nur mit dem Regen für die Bauern war das schwierig. Bis der unten ankam, hatte die Hitze schon alles verdampft. Und was kam? Beschwerdebriefe – genau! Viel zu heiss, viel zu trocken jammerte man im Süden – na, zumindest in Europa. Petrus geriet an den Rand einer Nervenkrise.

„Herr Gott nochmal„, brüllte er rüber zu Wolke 1, „kannst du nicht auch mal was dazu sagen?“
Aber der hörte nicht. Gott hatte nun wirklich Wichtigeres zu tun, als sich um das Wetter zu kümmern.

„Was’n los?“ brüllte stattdessen Jesus von Wolke 2.

„Das blöde Wetter! Die Menschen sind aber auch mit nichts zufrieden„, jammerte Petrus.

„Ach das Wetter„, winkte Jesus ab, „als ob die Welt nicht andere Probleme hätte. Ich fürchte, ich muss da bald mal wieder runter. Nichts als Mord und Totschlag. Sogar Gautama und Mohammed reden schon von einem Krisengipfel. Keiner hat mehr seine Leute unter Kontrolle. Und du redest vom Wetter, also bitte!“

Petrus zog den Kopf ein und schmollte. Also wenn das so war . . . Er schaute auf den Kalender. Der Herbst stand vor der Tür, zumindest auf der nördlichen Erdhalbkugel, von wo sowieso die meisten Beschwerden eingingen. Herbst – das war nichts Halbes und nichts Ganzes, dachte Petrus. Bunte Blätter waren kein Problem, dafür sorgten schon die vielen fleißigen Azubi-Engel mit ihren Farbkästen.  Er könnte doch eigentlich schon mal für den Winter üben und die Temperaturen runterfahren. Ha! – das würde auch den Teufel überraschen. Genau! Petrus warf die Beschwerdebriefe kurzerhand in den Ofen für die Südhalbkugel und begab sich zur Nebelmaschine. Ich werde euch so einnebeln, dass euch Hören und Sehen vergeht, brummelte er vor sich hin. Und dann runter mit den Temperaturen. Mal sehen, wie euch das gefällt. Ihr werdet mir auf Knien danken, wenn es im nächsten März wieder Frühling wird. Egal wie der dann aussieht. Und Beschwerden werden einfach nicht mehr angenommen.

(10/2015/Elke Heinze)

Das Huhn im Wollmantel

Es war im Frühling des Jahres 1780. Es war bitterkalt. Die Menschen froren, und Hungerwinter waren an der Tagesordnung. Später wird man diese Zeit auch als Kleine Eiszeit bezeichnen. Aber das wussten die Menschen damals nicht. Es wäre ihnen auch egal gewesen. Sie wollten etwas zu essen. Die Kornspeicher waren leer und . . . Fleisch? Wer hatte damals schon Fleisch? Allenfalls konnte man im Frühling auf ein paar Eier hoffen. Aber dazu mussten gesunde Hühner her. Doch die waren längst geschlachtet. Wie hätte man sie auch ernähren wollen? In manchen Klöstern gab es noch ein paar Hühner und – so wurde gemunkelt – sogar hin und wieder ein Schwein oder ein Schaf. Die Nonnen und Klosterbrüder hungerten selten. Auch nicht während der Fastenzeit. So war es kein Wunder, dass sich vor den Klosterpforten immer wieder Bettler einfanden und Kinder, die auf Almosen und vor allem auf Brot hofften.
Eines dieser Kinder war die kleine Lilli. Sie kam täglich zum Kloster und manchmal erlebte sie wirklich, dass die Pforte geöffnet wurde und man ihr und den anderen altes Brot gab. Und eines Tages kam durch die Klosterpforte ein Huhn geflattert. Das ging so schnell, dass die alte Nonne, die auf die Hühner hätte aufpassen müssen, einfach nicht hinterher kam. Sie rutschte auf dem eisigen Schnee aus, und das Hühnchen flatterte weiter. Lilli war an diesem Tag zusammen mit Konrad, ihrem Bruder, zum Kloster gekommen. Konrad schnappte sich das Huhn, und bevor ihn irgendjemand hätte aufhalten können, war er auf und davon. Das hätte böse enden können. Aber niemand verriet den Jungen, denn Lilli und ihre Mutter fackelten nicht lange, und bald gab es für die Familie, Freunde und Nachbarn einen Kessel Hühnersuppe. Zugegeben, das war für so viele Menschen eine relativ dünne Suppe. Aber jeder gab dazu, was er hatte, Wurzeln und Kohl zumeist. So wurde die Suppe dann doch ein Festmahl für Viele.
Konrad schnitzte viele Jahre später, als die Hungerwinter längst Geschichte waren, aus einem Stück Holz ein Huhn für Lilli. Und Lilli nähte ihm eingedenk der bitterkalten Zeit ein Mäntelchen aus Wollresten. Das Huhn im Wollmantel wurde von Generation zu Generation weitervererbt und in Ehren gehalten.
©EHeinze – für Christa (18.März 2015)