Nach längerer Zeit habe ich mal wieder eine Drei-Wort-Geschichte für euch. Die Vorgaben waren:

  • Ikea
  • Marionette
  • Lippenstift.

Viel Spaß beim Lesen.

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Der Puppenspieler

Daniel: Also, was meinst du? Freitagabend um Acht? Treffpunkt Ikea-Parkplatz?
Karla: Ich weiß nicht so recht.
Daniel: Sei kein Frosch. Wir chatten jetzt schon so lange. Ich möchte dich wirklich kennenlernen.
Karla: Ja, das wäre schön. Aber … also, ich muss jetzt Schluss machen. Ich überleg’s mir. Ich sag’s dir morgen.
Daniel: ♥ ♥ ♥ love you.

Karla klinkte sich aus dem Chat aus. Was soll ich denn nun machen? Daniel ist wirklich nett. Ich möchte ihn schon kennenlernen. Aber das richtige Leben heißt Werner.
Sie hatte nie vorgehabt, ihren Mann zu betrügen. Durch Zufall war sie in dieses Forum hineingerutscht. Karla nagte an ihrer Unterlippe. Sie musste ja nicht zusagen. Aber seitdem Werner ständig diese Nachtschichten übernahm, fühlte sie sich abends sehr einsam. Ich betrüge ihn ja nicht gleich, nur wenn ich mich mit Daniel treffe. Einmal essen gehen, tanzen vielleicht. Daniel hatte immer so viel zu erzählen. Puppenspieler sei er, hatte er geschrieben. Karla hatte es nicht glauben wollen. „So richtig mit Marionetten?“, fragte sie nach.
„Magst du Marionetten?“
„Sehr sogar.“ Karla war als Kind mit ihren Eltern ein paar Tage in Prag gewesen. Damals hatten sie das berühmte Marionettentheater „Spejbl und Hurvínek“ besucht. Seitdem liebte sie Marionetten. Sie hatte Daniel davon erzählt. Am nächsten Abend kam er darauf zurück. Er sprach immer von seinen Puppen. Nein, hauptberuflich mache er das nicht. Es sei ein Hobby. Karla überlegte. Was war schon dabei? Freitagabend war bei Ikea noch viel los. Wenn er ihr wider Erwarten unsympathisch wäre, dann würde sie einfach wieder ins Auto steigen und nach Hause  fahren.
Er lud sie zum Abendessen in ein Wiesbadener Restaurant ein. Das Essen war hervorragend, Daniel ein charmanter Unterhalter. Nach dem Espresso fragt er wie nebenbei: „Was meinst du, wollen wir noch zu mir fahren? Ich könnte dir meine Puppen zeigen?“ Karla geriet einen Moment in Versuchung, bevor sie den Kopf schüttelte.
„Nein. Sei nicht böse, aber das geht mir zu schnell.“
„Kein Problem. Ist schon in Ordnung. Aber wir könnten noch tanzen gehn. Was hältst du davon? Ich kenne eine tolle Ü30-Disco.“
Tanzen? Warum nicht? Werner würde erst morgens gegen Sechs nach Hause kommen. Während Daniel dem Kellner winkte, frischte Karla in der Toilette ihr Make-up auf. Der knallrote Lippenstift sah doch richtig sexy aus.

Der Facilitymanager des schwedischen Möbelhauses fand die Frauenleiche am Montagmorgen neben den großen Müllcontainern. Neben ihr lag in einer Pfütze unbeachtet eine rosa Visitenkarte: Doll-House, Ihre erste Adresse im Rhein-Main-Gebiet. Wir lassen für Sie die Puppen tanzen.